| Von
der Vision zur Wirklichkeit
Wo
die Netzwerkgeschichte von NEFU angefangen hat (Nelly Meyer-Fankhauser, die Gründerin und Koordinatorin von NEFU Schweiz, zitiert aus dem NEFU-Handbuch 'Wirtschaften ist weiblich - vernetzt denken auch') Die Fortsetzung der Netzwerkgeschichte mit neuem Leitbild ist in der 2. ergänzten Auflage nachzulesen: eFeF-Verlag, ISBN 3-905561-36-0, 18.50 € 1992, Mitte September, war ich eingeladen, in einer Radiosendung über mein fünfjähriges Geschäftsjubiläum zu berichten. Dabei informierte ich über alles, was mich als Einfrau-Unternehmerin bewegte. Unter anderem beschrieb ich die oft heiklen Honorarforderungen, die dauernd neu zu erfindenden Akquisitionsstrategien und das stete Am-Ball-bleiben. Ich erzählte vom Isoliertsein und Nicht-mehr-verstanden-werden. Und dass ich den Austausch mit Berufsfrauen, welche meine Sprache verstehen, vermisste. In
dieser Sendung redete ich zum ersten Mal über meine Vision einer
Vernetzung von Frauen, die sich in der gleichen Situation befinden. Spontan
lud ich Kleinunternehmerinnen und interessierte Zuhörerinnen an ein
Begegnungsapéro ein, um einen ersten Gedankenaustausch zu pflegen.
In
den darauf folgenden Tagen erreichten mich über hundert Schreiben
und Telefonate von Frauen, die das Alleinsein am Arbeitsplatz kannten
und schon lange einen Erfahrungsaustausch suchten. Drei Briefe mögen
das breite Interesse belegen. Brief
1: Vor
genau 25 Jahren habe ich als Mutter zweier Mädchen zu Hause angefangen,
Werbeunterlagen zu texten, um mein Hobby Schreiben nicht verkümmern
zu lassen. Dann habe ich zusammen mit meinem ehemaligen Gatten ein Geschäft
technischer Art aufgebaut und während 15 Jahren meine Schreibwut
dort abreagiert. Und jahrelang davon geträumt, wieder mehr kreativ
tätig sein zu können und die Routinearbeiten wieder abgeben
zu können. In
der Zwischenzeit bin ich geschieden und war dadurch gezwungen, wieder
auf einem Büro Arbeit zu suchen. Habe aber immer nach einer Möglichkeit
gesucht, daneben freiberuflich Schreibarbeiten zu erledigen. Nach der Kündigung war für mich ganz klar, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, mich auf diesem Zweig selbständig zu machen. Aus diesem Grund musste ich in meiner Wohnung Platz schaffen, um mir eine Arbeitsecke einrichten zu können. Und zu eben diesem Zwecke habe ich ausnahmsweise am Donnerstag, den 17. September, frei genommen, kam nach Hause, stellte das Radio ein und traute meinen Ohren nicht, als die Ansagerin das Zvieri-Gastgespräch mit Ihnen ansagte ... als hätte Sie mir der Herrgott geschickt als Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Können Sie sich vorstellen, mit welcher Freude ich daraufhin meinen alten Krempel weggeräumt habe, um mich auf Neues vorzubereiten?' Brief
2: Meine
Fragen an Sie: In unserem Haushalt steht ein PC, der von mir meistens nur abgestaubt wird. Manchmal fehlt mir einfach der Mut, selber etwas zu beginnen! Wäre es in einer Gruppe nicht einfacher und auch für mich möglich? Eine Antwort von Ihnen würde mich sehr freuen.' Brief
3: Ich merke, dass ich es nun mit der Angst zu tun bekomme. Soll ich nun bereits meine Teilzeitstelle in einem kleinen Spital in meiner Nähe kündigen oder noch zuwarten? Wie schaffe ich beides nebeneinander in der Anfangszeit? Woher nehme ich die Zeit und Energie für meine Familie mit zwei Kindern (7- und 4-jährig)? Vielleicht hilft es mir, mit anderen Frauen zu sprechen, die schon über diesen Punkt hinaus sind. Darf ich zu Ihrem Apéro kommen? Ich würde mich freuen.' Ein einzelner Apéro hätte nicht ausgereicht, alle Interessentinnen zu empfangen. Deshalb habe ich an meinem Wohnort den Beschäftigungsraum im Alters- und Pflegeheim gemietet und ab Oktober 1992 die Begegnungen mehrmals wiederholt. Für die eingeladenen Frauen war kein Weg zu lang, kein Wetter zu schlecht: Sie kamen von überall her, um einander kennenzulernen und sich auszusprechen. Das Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit war immens. Innert kürzester Zeit fühlten die Teilnehmerinnen sich verstanden und nicht mehr allein.
So hat es sich ergeben, dass diese Frauen ab Januar 1993 in regelmässigen Abständen zu Werkstatt-Tagen unter dem Slogan 'Frauen managen sich selbst' eingeladen wurden, die ich konzipiert, organisiert und geleitet habe. Meistens trafen sich fünfzehn bis achtzehn Klein(st)unternehmerinnen am Runden Tisch. Sie formulierten ihre Ideen und Visionen und berichteten über Infrastrukturen, Marketingkonzepte, Finanzen, Werbekampagnen, Öffentlichkeitsarbeit, Akquisitionsstrategien und Kundenbeziehungen, aber auch über Konkurrenz, Tarifgestaltung und Organisation. Dass der geschäftliche Alleingang kein Zuckerlecken, sondern ein überaus steiniger Weg ist, wurde immer wieder betont. Anderseits wurden die Stärken einer weiblichen Unternehmensführung, die Fähigkeiten zum emotionalen Management, zur sozialen Kompetenz und intuitiven Begabung bewusst gemacht. Anleitungen zur Selbstmotivation und Mut zur Selbstvermarktung waren das Resultat. Eine
Fragebogenaktion mit Aussagekraft Die rund hundert Kleinstunternehmerinnen aus den unterschiedlichsten Branchen und Geschäftszweigen, die 1993 diese Workshops besucht hatten, wollten mehr: Sie wollten sich mindestens einmal pro Jahr treffen und in einer Form zusammenschliessen, die ihrer Individualität und Eigenständigkeit Rechnung trägt. Die
Bildung eines Vereins, Verbandes oder Clubs war nicht gefragt. Der Trend
ging in Richtung lose, flexible Vereinigung, die einen Rahmen für
Veranstaltungen, Weiterbildung und Beratungen bietet. Eine starke Nachfrage
bestand auch nach einem Netzwerk, wo Frauen berufliche Erkenntnisse austauschen
können. Um zu erfahren, wie unsere Gruppe zusammengesetzt, strukturiert
und benannt werden könnte, entwarf ich einen entsprechenden Fragebogen.
Anfang Sommer 1993 bekamen hundertzwanzig Frauen das Formular zum Ausfüllen
zugestellt. Bis Ende Juli trudelten achtzig voll beschriebene Seiten von
engagierten Schreiberinnen bei mir ein. Plötzlich gab es eine unerwartete
Fülle von Ideen und Vorschlägen engagierter Frauen zu sichten,
zu gewichten und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die eingegangenen
Beiträge wollten ernst genommen werden. Deshalb war es für mich
gar keine Frage, die Frauen von Anfang an in das Projekt "Vernetzung"
einzubeziehen, ihnen die Umfrage-Ergebnisse vorzustellen und eine Verständigung
über die gemeinsamen Ziele herbeizuführen. Sämtliche
Angebote und Ratschläge wurden in einer Broschüre zusammengetragen.
Die ausgewerteten Daten sollten an der ersten gemeinsamen Zusammenkunft
zum Thema 'Vernetzung von Einfrau-Unternehmerinnen' als Diskussionsgrundlage
für die gewünschte Organisationsform dienen. Um die unterschiedlichsten
Antworten auf einen Nenner zu bringen, fand ein Arbeitsgespräch bei
Frau Elisabeth Michel-Alder, Gründerin der Beratungsfirma EMA Human-Potential
Development, in Zürich statt. Als Initiantin und Förderin des
im Jahre 1986 gegründeten Netzwerkes für Unternehmen "TsW
Taten statt Worte" galt sie als eine der wenigen profilierten Netzwerk-Expertinnen
in der Schweiz. In dieser Funktion unterstützt sie NEFU seit Jahren. Ich
lernte die Vor- und Nachteile sowie Gefahren, die mit der Bildung eines
Netzwerkes verbunden sind, kennen. Netzwerke seien formlose Gruppierungen,
flexibel und fragil. Dadurch hätten sie begrenzte Einflussmöglichkeiten
und eine beschränkte Beschlussfähigkeit. Kontrolle und Sanktionsmöglichkeiten
fehlten. Netzwerke hätten - im Gegensatz zum Verein - keine Statuten,
trotzdem gebe es gewisse Ziele, Merkmale und Regeln zu beachten. Als Netzwerk
werde ein personenbezogenes Beziehungsgeflecht verstanden, welches auf
einem gemeinsamen Basisinteresse beruhe. Durch aktuelle Anlässe werde
es aktiviert und sichtbar gemacht. Ein Netzwerk brauche die Mitknüpferinnen
nicht auf Lebzeiten zu verbinden. Bedingungen seien immer wieder neu auszuhandeln.
Statt Harmonie anzustreben, seien Anliegen und Erwartungen unmissverständlich
in Worte zu fassen. Dieses Vorgehen erwies sich offenbar als richtig. Der Gründungsversammlung stand nichts mehr im Wege. 63 Frauen diskutierten am 30. Oktober 1993 die Auswertung ihrer Antworten und legten den Grundstein zu ihrer Vernetzung.
Ein Leitbild mit Zukunftscharakter Das Geheimnis liegt in der Selbstbestimmung
Die
beteiligten Unternehmerinnen entschieden sich bewusst für ein Netzwerk.
Kein hierarchisches oder vereinsähnliches Gebilde sollte ihnen Vorgaben
machen. Sie wählten Rahmenbedingungen für Eigeninitiativen und
selbst verantwortliches Tun. Frauen, die in ihrer unternehmerischen Tätigkeit
bereits gewohnt sind, jeden Tag eigene Entscheidungen zu treffen, wollen
auch in ihrer Vereinigung selbst bestimmend bleiben und sich nicht einengen
lassen. Alle sollen sich auf der gleichen Ebene bewegen und die Chance
haben, in Eigenregie oder rotierenden Teams etwas zu unternehmen, um etwas
zu bewegen. Das
beschlossene Leitbild enthält bewusst kein "müssen".
Mit den Verben "mögen" und "sollen" wird dem
Wunsch nach selbst bestimmendem Unternehmen Ausdruck verliehen. Bei NEFU
Kantonale und grenzüberschreitende Knotenpunkte - ein Gewinn für alle Beteiligten NEFU-Mitgliedern ist es gelungen, das Netz über fast die ganze Schweiz und über die Grenzen auszuwerfen. Die anfänglich grossen Maschen haben sich stark verfeinert. Erfreulich ist, wie Frauen sich immer wieder angesprochen fühlen, selbst einen Begegnungsort zu initiieren, um die Vernetzungsidee in ihrem Umfeld zu kommunizieren. Ob
sie dies an ihrem Wohnort oder in ihrer unmittelbaren Umgebung tun, spielt
keine Rolle. Wichtig ist, dass etwas in eigener Initiative getan wird
und eigene Vorstellungen umgesetzt werden. Mit Einladungen zu persönlichen
Arbeitsplatzvorstellungen, gemeinsamen Essen, Referaten, Workshops oder
Events wollen die Organisatorinnen Frauen ansprechen, die Motivation und
Ausgleich zur selbständigen, beruflichen Laufbahn suchen und den
Alltag der Kleinstunternehmerinnen besser kennen lernen möchten.
Bei diesen Treffen "erfahren" sich Unternehmerinnen von Angesicht
zu Angesicht. In einigen Regionen ist eine rege Teilnahme zu verzeichnen. Anderswo kam es schon vor, dass ein Treffpunkt leer geblieben ist. Der Grund dafür wird in der lockeren und unverbindlichen Organisationsform erkannt. Viele Frauen, so die Erklärung, hätten Mühe mit der Zwanglosigkeit, die auf eigenem Engagement basiert, und erwarteten ein festes, verbindliches Programm. Ungeachtet dieser Tatsache gibt es überall Ansprechpartnerinnen, welche Treffen und Vorträge aus eigenem Antrieb organisieren oder bereits geknüpfte Kontakte weiter pflegen. Solcherart sind Knotenpunkte in den Kantonen Baselland wie Basel-Stadt und Umgebung, im Kanton Zürich und Region, in der Ostschweiz, in Graubünden, im Kanton Bern und Umgebung, im Kanton Aargau, in der Zentralschweiz, im Wallis und Tessin sowie in Deutschland, Frankreich und Vorarlberg entstanden. Dadurch, dass der NEFU-Gedanke grenzüberschreitende Wirkung gezeigt hat, wurden im Ausland in den letzten Jahren analoge Frauennetzwerke unter dem Namen NEFU oder mit eigenständigen Bezeichnungen und Strukturen gegründet. So gibt es seit 1997 NEFU Deutschland, das von Gudrun Gempp initiiert wurde. Anstrengungen, NEFU France zu gründen, wurden 1999 von Marie Muller aufgenommen. An allen Orten wird ein Gewinn für die Beteiligten attestiert. |